Sternenkindfamilie – Teil 3 Wartezimmer, Labore und ein kleines Wunder

Von Dezember 2016Leben, Lieben

Die Aussicht, noch diesen Sommer schwanger sein zu können, versetzte uns in Hochstimmung. Ich hatte keine Probleme damit, mir die vielen Spritzen in den Bauch zu geben und die ganzen Tabletten zu schlucken, die nötig waren, um eine möglichst hohe Anzahl an Eizellen zu bekommen. Es hieß, in einem ICSI-Zyklus (Intrazytoplasmatische Spermieninjektion, hier wird die Samenzelle des Mannes direkt in die Eizelle der Frau gespritzt) würde man bei der Stimulation, die ich erhalten habe, für gewöhnlich acht bis dreizehn Eizellen verwenden können.  Der erste Kontrollultraschall sah vielversprechend aus.  Achtzehn Eizellen wurden gezählt.

Ein paar Tage später wurde das Laufen für mich immer anstrengender – meine Eierstöcke drückten und schmerzten bei jedem Schritt. Eine solche Dehnung waren sie nicht gewohnt. Zudem kamen weitere schmerzhafte Spritzen in den Bauch dazu, die einen vorzeitigen Eisprung unterdrücken sollten.

Nach zwölf Tagen waren alle Eizellen groß genug und ich konnte den Eisprung auslösen und 36 Stunden später zur Punktion (Entnahme der Eizellen) gehen. Die Punktion fand in Vollnarkose statt. Als ich aufwachte, hatte ich solche Schmerzen, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte, aber das Ergebnis war atemberaubend. 33 reife Eizellen hatten wir gewinnen können. Meine Euphorie hielt an. Ich war mir sicher, dass wir bei so vielen Eizellen bestimmt ein paar gesunde Embryonen bekommen würden.

Das lange Warten

Dann kam der erste Dämpfer. Während ich lange im Aufwachraum lag und darauf wartete, dass die Schmerzen besser wurden, saß mein Mann ungeduldig vor der Tür. Er war voller Sorge, da ihn niemand über den Stand des Eingriffs informiert hatte. Als wir dann endlich ein Gespräch mit unserem Arzt führen konnten, wirkte dieser zerstreut und kurz angebunden. Er sagte uns, dass man unsere Eizellen jetzt einfrieren und dann in den nächsten Monaten weiter entwickeln würde. Wann genau, könne er uns nicht sagen.
Ich war entsetzt und noch zu geschwächt von der OP, um in der Lage zu sein, darauf zu reagieren. Im Vorgespräch hieß es, die Eizellen würden in drei bis vier Tagen zu Blastozysten kultiviert und dann direkt zur Untersuchung an die Genetikerin gegeben werden.

Nach drei Monaten rief ich im Kinderwunschzentrum an, bekam aber nur zur Antwort, dass im Moment viel los sei und es noch dauern würde. Nach weiteren sechs Wochen hatten wir einen neuen Termin beim Arzt, nur um uns wieder von ihm vertrösten zu lassen. Er sagte, dass die Eizellen in zwei Monaten endlich weiter entwickelt sein würden. Trotz all meiner Verzweiflung und meiner Ungeduld, schaffte ich es, mir neue Hoffnungen zu machen.

(CC0) Pexels/Pixabay.com

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Nach zwei Monaten und einigen Tagen, hatten wir immer noch keine Meldung vom Kinderwunschzentrum erhalten. Ich rief wieder an, und wurde abgewiesen: Der Arzt könne nicht mit uns sprechen und sonst dürfe uns niemand Auskunft geben. Abends bekam ich eine Mail in der stand, dass sich die Kultivierung noch einmal auf unbestimmte Zeit verlängern würde. Ich weinte. Und dann fasste ich einen Entschluss.

Ich suchte nach weiteren Zentren in Deutschland, die eine PID durchführen konnten und so telefonierte ich schließlich mit Berlin. Man sagte mir, man könne unsere Eizellen dorthin verlagern und sofort weiter bearbeiten. Gesagt, getan. Wir mussten uns um nichts kümmern. Eine Woche später bekam ich einen Anruf, dass es leider nur vier der 30 Zellen zur Blastozyste geschafft hätten. Viele hätten schon den Auftauprozess nicht überlebt. Es sei auch generell nicht üblich, Eizellen direkt nach der Befruchtung einzufrieren, da diese viel anfälliger seien, als die Blastozysten.  Man sagte mir, die Untersuchung würde nun noch einmal vier Tage dauern, danach würde man mich anrufen. Und endlich kam der erlösende Anruf und tatsächliche: Einer der vier Embryonen war gesund und wurde zum Transfer empfohlen.

Wieder bekam ich Tabletten, um meine Gebärmutterschleimhaut bestmöglich aufzubauen und endlich war der große Tag da, an dem ich unseren Embryo zurück bekommen sollte. Mein Mann und ich fuhren nach Berlin. Es war sehr heiß und sonnig. Wir waren sehr aufgeregt und freuten uns. Der Transferprozess an sich war wenig aufregend. Es dauerte ca. fünf Sekunden, in denen mir ein dünner Schlauch eingeführt und die Eizelle in die Gebärmutter gespritzt wurde. Wir bekamen noch ein Bild, auf dem zu sehen war, an welcher Stelle in der Gebärmutter der  Embryo richtig sitztund konnten wieder gehen.

Vierzehn Tage vergingen, bis ich einen Schwangerschaftstest machen konnte. Die so genannte „Warteschleife“ ist wohl für jeden der sich in Kinderwunschbehandlung befindet eine sehr herausfordernde Zeit im Leben.  Jedes Zwicken, jedes Ziepen habe ich interpretiert und so genau auf meinen Körper geachtet wie noch nie. Diese Wartezeit ist der reinste Nervenkitzel. Als endlich der Tag vor dem Tag kam, an dem ich testen durfte, konnte ich nachts kaum schlafen. Ich wachte bereits um fünf Uhr morgens auf und raste ins Badezimmer. Zur Sicherheit hatte ich direkt zwei Tests gekauft und machte nun beide. Ich kam zurück ins Schlafzimmer und gemeinsam starrten wir auf den Test. Aber nichts passierte.

Wir geben nicht auf

In mir machte sich eine riesige Leere breit. Ich konnte es nicht glauben. Eine Ewigkeit haben wir darauf gewartet und dann sollte es nicht geklappt haben.
Nachdem die ersten Tage der Trauer überstanden waren, wollte ich einen neuen Versuch starten. Berlin ist von uns aus allerdings recht weit entfernt und da man nach einem Transfer nicht fliegen soll, mussten wir entweder mit dem Auto oder der Bahn fahren. Ich suchte nach weiteren Kliniken und fand eine in Prag über die ich viele gute Erfahrungsberichte las. Wir vereinbarten dort einen Termin und die ganze Prozedur begann von Neuem.

Um es kurz zu machen:
Wir machten eine weitere ICSI- und dieses Mal bekam ich eine deutlich geringere Dosis zur Eizellenstimulation. Dennoch hatten wir am Ende wieder 21 befruchtete Eizellen – von diesen schafften es sieben zur Blastozyste.

(CC0) Marisa-Sias/Pixabay.com

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Nach dieser Punktion hatte ich eine fürchterliche Überstimulation. Dabei liefen die überdehnten Eierstöcke mit Flüssigkeit voll. Eine Woche lang war ich krankgeschrieben, konnte mich kaum rühren und lag auf dem Sofa. Ich hatte keinen Appetit und keinen Durst.

Vier Wochen später kam das Ergebnis der Genetik – leider seien alle aneuploid, also hatte keine einzige einen vollständigen Chromosomensatz.  Eine der sieben hätte sich nicht untersuchen lassen, man könne die Untersuchung bei dieser wiederholen. Und tatsächlich: Diese eine war gesund.
Wir ließen sie einsetzen und erhielten das gleiche ernüchternde Ergebnis. Die Eizelle hatte sich nicht eingenistet und ich war wieder nicht schwanger.

Die letzte Hoffnung

Langsam ging der ganze Horror auch richtig ins Geld. Meine Psyche war am Ende und auch meine körperliche Verfassung war nicht gut – aber der Wunsch nach einem Kind war größer und so ließ ich mich auf noch eine letzte Behandlung ein.  Diesmal kam es zu Schwierigkeiten bei der Vermessung der Eizellengröße, sodass sie letztendlich zu früh entnommen wurden und wir nur 5 reife Eizellen bekamen. Davon schafften es nur 2 bis in das Blastozystenstadium. Ich war entsetzt und wagte es nicht zu hoffen, dass bei dieser schlechten Ausbeute auch nur ein gesunder Embryo dabei sein würde. Ich sprach über meine Ängste mit meinem Mann. Eine weitere ICSI konnte ich mir nicht vorstellen. Die ganzen Vollnarkosen, die Überstimulation, meine entzündeten Venen, die nach jeder Narkose in Erscheinung traten – es war alles zu viel. Ich sprach ihn auf das Thema Samenspende an. Auch die Kinderwunsch-Klinik hatte uns bereits zu diesem Schritt geraten. Ich sah die Angst in seinen Augen. Er konnte mich verstehen und ich konnte ihn verstehen. Ich konnte so gut verstehen, dass er sich ein genetisch eigenes Kind wünschte aber gleichzeitig hatte ich solche Angst vor einer erneuten ICSI.

Nach einigem Hin und Her sagte ich, eine letzte ICSI würde ich noch machen, danach müssten wir aber wirklich über einen anderen Weg nachdenken. Das Ergebnis der 4. ICSI war ähnlich ernüchternd wie das der 3.: Wenige Eizellen und nur eine Blastozyste. Also hatten wir zusammen mit den 2 Blastozysten aus dem Zyklus davor nun drei Embyronenn der genetischen Untersuchung. Das Ergebnis der Untersuchungen war jedoch überraschend – alle drei waren gesund und wurden zum Transfer empfohlen. Ich konnte es kaum glauben. „Endlich“, dachte ich, „jetzt würde es klappen“.

(CC0) Pexels/Pixabay.com

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Mit dem Transfer wollten wir uns nun Zeit lassen. Ich schrieb in den nächsten Wochen noch ausstehende Klausuren und dann stand auch noch unsere kirchliche Trauung aus. Danach wollten wir in aller Ruhe den Transfer machen lassen.

Während der Klausuren spürte ich eine unglaubliche Müdigkeit. Ich war mir sicher, dass es an der körperlichen Erschöpfung liegen musste, die die Operationen und die Wartezeiten verursacht hatten. Zur Vorbereitung auf den anstehenden Transfer sollte ich im Vorzyklus die Pille nehmen. Als meine Blutung einsetzte, ging ich zu meiner Gynäkologin, um mir ein Rezept verschreiben zu lassen. Ich nahm direkt die erste Pille. Am Abend war mir sehr schlecht. Auf dem Weg nach Hause, konnte ich die Gerüche in der U-Bahn kaum ertragen und essen mochte ich auch nichts. Ich legte mich früh ins Bett und schlief. Auch aufstehen mochte ich am nächsten Morgen nicht, obwohl ich normalerweise ein echter Frühaufsteher bin. Ich schlief und schlief. Ich stellte fest, dass meine Blutung schon wieder aufgehört hatte, dachte aber, es läge an der Pille.

Das kleine Wunder

Am nächsten Morgen war mir wieder so fürchterlich schlecht und diese bleierne Müdigkeit ließ nicht nach. Mir kam ein Gedanke: Ich fuhr zur Drogerie und kaufte einen Schwangerschaftstest. Bereits nach einer Sekunde erschien der zweite Strich. Ich war wieder schwanger. Schwanger, ohne Transfer! Schwanger, so wie ich es mir immer gewünscht habe. Schwanger,  weil mein Mann und ich uns eben lieben und es „einfach so“ klappt.

Mein Bauchgefühl war gut. Alle Ärzte, bei denen ich war und auch mein Mann und meine Familie sagten mir, ich solle jetzt erst einmal abwarten – das Risiko, dass es wieder abgeht, sei leider sehr hoch. Aber ich wusste, dass dieses Mal alles gut ist.

Inzwischen bin ich in der 22. Schwangerschaftswoche und unser Wunder wächst täglich und verpasst mir hin und wieder kleine Stubser in den Bauch. Viele Untersuchungen wurden gemacht und alle Ergebnisse waren ohne Befund. Unsere Ärzte staunen bei jeder Untersuchung über dieses fast ausgeschlossene Wunder und wir – ja, wir sind einfach überglücklich und freuen uns auf Anfang April, wenn wir unseren großen Wunsch endlich in den Armen halten dürfen.

 

Titelbild: (CCO) Unsplash/Pixabay.com

Lea

Verfasst von Lea

Lea ist Psychologie-Studentin und strebt im Anschluss an das Studium eine Ausbildung als Kinder- und Jugendtherapeutin an.

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