Warum du nicht für die Liebe kämpfen solltest

Rauf und runter haben wir diese Geschichte schon gehört, gelesen und gesehen: Er will sie, sie will ihn nicht, er macht viele “romantische” Dinge, am Ende kommen sie zusammen. Oder andersrum. Ganz vielleicht haben wir diese Geschichte sogar mit Queers gesehen. Sie ist da, wie ein Mantra: Wenn du etwas wirklich willst, dann musst du dafür kämpfen und am Ende wirst du belohnt.

Genau das habe ich lange Zeit mir selbst und meinen mit Liebeskummer auf meinem Schoß kuschelnden Freund*innen erzählt. Du musst ihm zeigen, wie sehr du ihn magst, dann wird er schon eines Tages erkennen, dass du seine Traumpartnerin bist. Du wirst schon sehen, am Ende lohnt es sich doch!

Hier liegt das Problem. Wir betrachten Liebe und Beziehungen im Licht einer marktwirtschaftlichen Logik von Leistung und Verdienst. Doch Liebe ist in diesem Denken kein Gildenwesen im Mittelalter, sie ist ein verdammtes Volontariat nach sieben Jahren Studium. Es gibt keinen tariflich festgelegten Stundensatz auf das Verfassen von romantischen Textnachrichten. Liebe ist, wenn du Glück hast, ein Job mit Mindestlohn von dessen Profit sich deine Chefin eine Villa kauft.

Ich muss mich an dieser Stelle bei Rollo bedanken, der in dieser Sache mein unwissender Lehrmeister war (you know who you are). Die Geschichte ist eigentlich schnell erzählt, auch wenn zahlreiche Mitbewohner*innen zu ihrem Bedauern mehr davon hören mussten, als ihnen lieb war. Ich lernte Rollo im ersten Semester kennen, verliebte mich und begann fortan “um seine Liebe zu kämpfen”. Denn Rollo fand mich zwar nett, wollte aber keine Beziehung oder dergleichen. Wenige (sieben) Jahre später löschte ich seine Nummer und ging auf kalten Entzug. Und heute kann ich diesen unfassbar weisen Text darüber schreiben, warum du nicht für die Liebe kämpfen solltest.

1. Es ist schlecht für dich.

Als ich Rollo auf charmante Weise mein Interesse an seiner Person dargelegt hatte, gab er mir auf ebenso charmante, aber bestimmte Weise einen Korb. Meine Knie sackten zusammen und mein Magen fühlte sich flau an. Der Tag war gelaufen. Es war kein schönes Gefühl. Und damit hätte die Geschichte ein Ende haben können. Ich wäre damit klargekommen und eines Tages wären wir freundschaftlich miteinander umgegangen oder eben nicht.

Stattdessen brachte ich mich (uns) wieder und wieder in ähnliche Situationen: Neckische SMS zu nachtschlafender Zeit, unterstützende E-Mails mit passenden Songs während er seine Magisterarbeit schrieb, zufälliges Auftauchen an seinen bevorzugten Orten, arrangierte ungezwungene Get-Togethers, die nur den Zweck hatten, ihn auch einzuladen – die ganze lange Hollywood-Liste. Und wieder und wieder wurde ich zurückgewiesen.

Zurückweisung fühlt sich nicht gut an. Mehrmals von der gleichen Person zurück gewiesen zu werden, erst recht nicht. Es verletzt und macht klein und verhindert, sich selbst als den liebenswürdigen Menschen zu sehen, der mensch ist.

2. Es ist respektlos gegenüber der Person, die du liebst.

Wie viele eindeutig-zweideutige Nachrichten braucht es wohl, bis sich ein Mensch ein Herz fasst und einer erneut einen Korb gibt? Wie viele Gespräche, die albern-flirty statt interessant und tiefgehend sind, hält mensch aus, bis ein klärendes “Sorry, aber das wird immer noch nichts” gesagt werden muss?

Ein Nein nicht zu akzeptieren ist respektlos. Wenn es um körperliche Annäherung geht wissen wir das im Grunde schon sehr lange. Spätestens seit konsensueller Sex und die Frage nach dessen Ausdruck eine ernstzunehmende Debatte in der Öffentlichkeit ist und allerspätestens nach dem Herüberschwappen der #metoo-Welle aus den USA wissen wir: Nein heißt Nein. Und doch gehen wir bei Gefühlen so oft über das Nein des*der Anderen hinweg.

Niemand bestreitet ernsthaft, dass es okay wäre jemanden zu küssen, wenn er*sie vorher gesagt hätte, dass er*sie das nicht möchte. Derartige Taten sind sogar (zu Recht) Straftatbestände. Und doch verhandeln wir, sobald es um Gefühle geht, das permanente Überschreiten einer Grenze als etwas herausragend Romantisches.

Ich habe wegen Rollo viele Dinge getan, die in einer Hollywood-Romantik-Comedy oder einem Roman von Ildiko von Kürthy sehr gut gekommen wären. Aber ich habe dabei vollkommen den Menschen übersehen, um den es mir eigentlich ging. Er war immer und immer wieder in der Situation, mich zurückweisen zu müssen. Ich hielt mich für die Gelackmeierte in der Situation, aber in Wirklichkeit ist es ebenso unschön jemanden immer wieder von sich stoßen zu müssen, den man in einer anderen Weise sehr gerne mag. Rollo hatte jede Menge Selbstbewusstsein und die männlich sozialisierte Fähigkeit Nein zu sagen. Ich hingegen bin trotz eingehender feministischer Lektüre beinahe pathologisch harmoniebedürftig und muss jeden Tag mein Nein üben. An seiner Stelle wäre ich vermutlich längst eingeknickt und in einer Beziehung, die ich im Grunde nicht wollte.

Der Topos von der Liebe, um die es sich zu kämpfen lohnt, ist also im Zweifelsfall nicht nur unangenehm für beide Seiten und respektlos (was schlimm genug ist), sondern auch übergriffig.

3. Du verpasst vermutlich jede Menge Schönes.

Vor etwa drei Jahren kam ich mit Rollo an einen Punkt, an dem ich realisierte, dass wir zwar nun schon seit fast vier Jahren “befreundet” waren, ich aber kaum etwas über ihn wusste. Ich kannte seinen genauen Aufenthaltsort dienstags um 18 Uhr, wusste aber wenig Tiefergehendes über die Person, in die ich mich Jahre zuvor so Hals über Kopf verliebt hatte. Also beschloss ich, ihn nun wirklich kennen lernen zu wollen und suchte insgeheim doch nur nach Möglichkeiten, ihm auf diese eine bestimmte Weise näher zu kommen. Die Sache ging gehörig schief, das Ende vom Lied ist besagte gelöschte Nummer.

Ich glaube, mit Rollo kann mensch gut befreundet sein und wundervolle Dinge erleben. Es gäbe immer viel und lecker zu essen, viel und nette Gesellschaft, viel und laut zu lachen. Manchmal würde mir seine besserwisserische Art auf den Geist gehen, aber dann würde ich denken, ach komm, wir sehen uns so selten, das ist schon okay. Nur sind wir dahin nie gekommen.

Weil ich ein recht genaues Bild vor Augen hatte, wie die Beziehung zwischen uns beiden auszusehen hatte und mir das immer wieder verwehrt wurde, habe ich das verpasst, was eigentlich zwischen uns war. Ich dachte, wenn ich nur hart genug dafür arbeiten würde, bekäme ich eines Tages den Lohn dafür. „Stattdessen war die Liebe in anderer Form die ganze Zeit bei mir, ich hatte sie nur nicht gesehen“, könnte ich sagen. Vielleicht stimmt das, ist aber in etwa so konkret wie ein Yogi-Tee-Spruch.

Eigentlich will ich Folgendes sagen: Wenn wir es schaffen, uns wenigstens im Zwischenmenschlichen vom marktlogischen Denken zu verabschieden, sind wir mit radikaler Freiheit konfrontiert. Du denkst nun, “aha! Jetzt kommt die Tante mit Polyamorie ums Eck!” und lägst damit nicht mal ganz falsch. Aber es geht mir nicht um die Form der Beziehung, das sollte wirklich jede*r machen, wie er*sie möchte.

Es geht mir um die Freiheit. Und zwar die aller Beteiligten.

Wenn wir frei genug sind, unser Hingezogen-Sein zu äußern und gleichzeitig die freie Entscheidung unseres Gegenübers akzeptieren zu können, eröffnen sich auf einmal Möglichkeiten für (ich will schreiben “echte Begegnung”, aber es klingt so kitschig) echte Begegnung. Welches Potenzial hat eine Freundschaft, wenn sie auf solcher Ehrlichkeit und Respekt basiert! Bäm!

Aber die Freiheit muss ernst gemeint sein. Sie darf kein Strohmann sein für eine hinterhältige Hoffnung, dass es doch eines Tages mehr wird. Sie muss liebevoll sein und ernsthaft loslassen. “Wenn du etwas liebst, lass es los. Wenn es zu dir zurückkommt, gehört es dir. Wenn es nicht zurückkommt, hat es dir nie gehört” steht in jeder zweiten Aphorismen-Sammlung. Das ist gemein und hinterhältig! Es sollte heißen: “Wenn du etwas liebst, lass es los.” Punkt. Und hör auf, nachts betrunken zweideutige Nachrichten zu schreiben. Drunk Texts sind die Dick-Pics der Gefühlswelt. Wenn jemand gesagt hat, dass er*sie nicht mehr oder gar nicht will, hast du kein Recht, ihn*sie mit deinen Emotionen zu belasten. Bleib bei dir. Und schau von da aus, was es alles zu sehen gibt.

Das kann sich beknackt anfühlen. Es kann dazu führen, dass du nicht mit dieser Person in einem Raum sein willst (also natürlich doch genau das, aber eben nicht so!). Du wirst vielleicht das dritte Bier als Ausrede nehmen, um doch eine Nachricht zu schicken. Vielleicht geht es nicht. Vielleicht geht es ein halbes Jahr gut und dann hörst du diesen einen Song und es geht doch nicht mehr. Es wird ziemlich messy werden und unscharf und die Rollen, wer jetzt der*die Gelackmeierte in der Situation ist, werden weniger klar verteilt sein. Wir sind das alle nicht gewohnt, dieses Freiheits-Ding, dieses Markt-un-logische. Aber ich finde wir sollten es versuchen.

 

© Bild von Filiz Oktem

Fritzi

Verfasst von Fritzi

Fritzi lebt mit ihrem sprechenden Schal und einer Handvoll schräger Vögel zusammen. Sie zeichnet und schreibt über Wohnen, Leben und nicht-monogame Beziehungen.

Mehr Beiträge von Fritzi