Jetzt ist also der Fall eingetreten, der für mich nur in der Theorie bestand: Zwei Trennungen zur (fast) gleichen Zeit. Polyamorie, so die einfache Definition, ist Vielliebe. Dass viel Liebe auch viel Leiden bedeuten kann, weiß sprichwörtlich jedes Kind. Aber wie verdammt beschissen es sich anfühlt, nicht nur einen, sondern gleich mehrere (in meinem Fall zwei) Menschen zu verlieren, kann es nun wirklich nicht ahnen.

Ich lebe (meistens) fröhlich vor mich hin und kommuniziere (meistens) gut und liebe viel und mache alles, was ich in Poly-Foren, -Blogs und -Ratgebern gelesen habe. Und doch ist nun in der langjährigen Beziehung mit Matthias* die Luft raus, wir gestehen uns das ein und weinen viel und reden noch mehr. Es geht jetzt also an das, was diese ganzen Poly-Hippies „Transformation“ nennen, weil Trennung so endgültig klingt und, ich gebe es zu, wirklich der Wahrheit nicht ganz entspricht. Die Aufgabe ist nicht einfach, aber sie geht uns leicht von der Hand, wir sind geübt im Reden und im Transformieren.

Getragen bin ich von einem absurden Gefühl der Gleichzeitigkeit von Freude und Schmerz: So traurig über das Ende, aber voll verknallt in Jakob*, den es ja eben auch noch gibt. Der fragt verständnisvoll, wie’s mir geht und macht dann Dinge, die dazu führen, dass ich noch mehr verknallt bin. Ich gehe mir selbst und meiner Mitbewohnerin tierisch auf die Nerven, im einen Moment verzückt grinsend vor meinem Handy zu sitzen und im anderen in Tränen auszubrechen. Aber es fühlt sich gut an und tief und so, so poly.

Schau her Welt, wie viele Gefühle ich haben kann!

Alles auf einmal und es ist super!

Wenig später dann die Worte mit denen ich gerade jetzt nicht gerechnet habe, aus Jakobs Mund: „… und deswegen möchte ich das mit uns beenden“ – bäm, Magengrube, sitzen gelassen. All das, was sich für mich so leichtfüßig und doch innig, unkompliziert und zukunftsfähig angefühlt hatte, mit einem Satz vom Tisch gefegt. Ich erstarre vor Schock und fühle mich plötzlich sehr, sehr wund. War ich auf einmal zu viel für ihn, weil ich nicht mehr die lässige Frau in einer offenen Beziehung war? Oder war ich nicht genug für ihn, weil ich von Anfang an zu leicht zu haben war, als dass er etwas für meine Zuneigung hätte tun müssen? Und vor allem: Wie konnte ich mich so täuschen? Warum hatte ich diesen Schlag nicht kommen sehen?

Plötzlich sind schlimme, lang überwunden geglaubte Zweifel wieder da – an mir selbst, am Konzept Polyamorie, an der Welt in ihrer Gesamtheit. Zweifel, die ich zum größten Teil mit einer uns umgebenden Beziehungskultur verbinde, die auf Verdienst und Wert, auf erotischem Kapital und dessen geschickten Einsatzes basiert und nicht auf der Annahme, dass Liebe bedingungslos sein darf, vielleicht muss. Nach kurzem Nachdenken kann ich also die meisten von ihnen als Quatsch abtun. Zu viel oder zu wenig für jemanden sein? Bullshit! Als die geliebt zu werden, die ich bin, ist das Mindeste, was ich verlange – die Fragen erübrigen sich.

Und doch: Es schmerzt, Rationalisierungsversuche hin oder her. Ich fühle mich klein, nicht liebenswert und naiv ob meiner schlechten Lageeinschätzung.

Alles schmerzt.

Die Leute sagen, mensch liebe jede Person anders und deswegen könne mensch doch auch mehrere lieben. Von solchen, sehr speziell geliebten Personen nicht mehr zurück geliebt zu werden fühlt sich auf ekelhafte Weise gleich an. Es tut weh und es tut nicht weniger weh, nur weil ich gerade in Übung bin. Doppeltes Leid ist und bleibt doppeltes Leid.

Titelbild: © Natascha Häutle

Octopolly

Verfasst von Octopolly

Octopolly ist ein Kollektivwesen, das mit drei Armpaaren über unterschiedliche Dinge aus dem bunten Spektrum von Poly-Beziehungen schreibt. Mit dem vierten isst es Kuchen.

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