Ich + Du ≠ Wir

Es ist kurz vor Weihnachten und die Bahnhöfe sind voller Menschen, die nach Hause fahren. Sie sind beladen mit schwerem Gepäck und Geschenken. Niemand wirkt glücklich, eher gestresst und am Ende der Kräfte. Genauso fühle ich mich, ausgelaugt. Die Leere füllt mich aus, sie kriecht in jede einzelne Ausprägung meines Körpers. Meine Arme sind schwer von dem Tragen des Koffers, mein Kopf mag nicht mehr denken.

Was mache ich hier eigentlich? Normalerweise beschäftigt mich um diese Zeit die Unruhe meiner Mitmenschen und das Zusammentreffen mit meiner Familie. Das ist aber nicht das Problem, darum geht es mir nicht. Ich fühle mich leer, weil du nicht da bist. Und es keine Chance gibt, dass du jemals da sein wirst. Denn du willst nicht. Du sträubst dich mit Händen und Füßen dagegen, mit mir eine Bindung einzugehen. „Es sind keine Gefühle da.“. Ach ja? Und was ist mir der Spannung zwischen uns, wenn du mich anschaust? Was ist mit der Unruhe, die dich befällt, sobald du mich siehst? Was ist mit den witzigen, tiefgehenden und kritischen Gesprächen, die wir führen? Was ist mit deiner Hand auf meinem Bein, die daliegt, als würde sie das immer tun? Was ist mit deinen Lippen auf meinen?

Was, wenn nicht das, sind Gefühle?

Michael Nast sagt, wir sind beziehungsunfähig. Wir sind nicht beziehungsunfähig. Wir sind nur besessen von dem Gedanken nicht perfekt zu sein. Wir wollen nicht fehlbar sein, uns bloß nicht fallen lassen, uns keine Blöße geben. Ich kämpfe gegen meinen eigens auferlegten Zwang des Perfektionismus an. Nur kann ich diesen Kampf nicht alleine kämpfen. Ich brauche jemanden, der mich auffängt, wenn ich den ersten Schritt wage und mich von der sicheren Klippe in die Gefühlswelt stürze.

Ich bin wütend. Denn ich weiß, dass du könntest, wenn du wolltest. Du willst nur nicht, bist nicht mutig genug. Dann bleib dort wo du bist, in deinem Schneckenhaus auf der Klippe. Ich lerne derweil schwimmen.

Ich bin hier, du da. Und aus uns wird niemals ein Wir.

 

© Illustration: Silvia Schmidt

Semipermeabel

Verfasst von Semipermeabel

Semipermeabel lässt das gesamte emotionale Spektrum durch, das sonst im Inneren verweilt. Was außen vor bleibt, sind vornehme Zurückhaltung, gesellschaftliche Erwartungen und Harmonie.

Mehr Beiträge von Semipermeabel