Sex* und die Kleinstadt

Im Grunde war mir von Anfang an klar, dass ich einen kapitalen Fehler begehen würde, wenn ich diese Entscheidung treffen und tatsächlich in eine Kleinstadt auf dem Land ziehen würde. Soeben befand ich mich noch im freizügigen Poly-Himmel mit Lebens- und Spielpartner*innen und dem gelegentlichen sexuellen Experiment obendrauf, nun in einer Wüste, deren OKCupid-Bevölkerung ganze drei Personen umfasst.

„Was soll ich tun?“ ist in diesem Fall nicht nur eine der Grundfragen der Philosophie nach Immanuel Kant, sondern die Grundfrage meiner Cunt nach der Befriedigung ihrer Lüste. Ich wähle also zunächst die klassische Herangehensweise und flirte ausgiebig mit mir interessant und attraktiv erscheinenden Menschen. Die Reaktionen sind ambivalent bis verhalten und irgendwann dämmert mir, warum. In besagter Kleinstadt kenne ich bereits nach wenigen Wochen die halbe Nachbarschaft. Alle, die halbwegs in meinem Alter und auf meiner Wellenlänge sind, sind – wenig verwunderlich – miteinander vernetzt. Dazu zählen auch einige hochgeschätzte Arbeitskolleg*innen, denen ich zwar von meinem festen Freund, nicht aber von meinem Beziehungskonzept erzählt habe. Und schon werde ich ungewollt von plappernden Kolleg*innen und meiner eigenen Unsicherheit über ein mögliches Outing gecock-äh-pussy-blockt.

Seufzend wende ich mich also doch an die Dating-App meiner Wahl, schreibe hier und da, investiere zu viel Geld und Zeit um für Dates mit naturgemäß ungewissem Ausgang in die eineinhalb Stunden entfernte Großstadt zu fahren und werde einmal zu oft aufgrund meines Beziehungskonzeptes zurückgewiesen. Ich seufze einmal mehr und schreibe dem einzigen Menschen im Landkreis, der auch „open relationship“ als Beziehungsstatus angibt und dem ich aufgrund einer frappierenden Ähnlichkeit mit einem Exfreund nie geantwortet hatte. Wir sind uns sympathisch und haben mindestens ein großes gemeinsames Thema.

Es wäre so schön, sich jetzt zu verlieben oder zumindest so richtig scharf aufeinander zu sein.

Aber es funkt nicht und der Sex bleibt uninteressant. „Es wäre so praktisch gewesen“, sagt er und ich nicke. „Ja, es wäre echt praktisch gewesen.“

Nun sitze ich also hier und wäge meine Möglichkeiten ab. Ich schwanke zwischen der Flucht nach vorn –  neue Stadt, neues Glück – und der nach innen. Vielleicht würden die nächsten zwei Jahre ja der Grundstein einer erfolgreichen Karriere als Schriftstellerin werden! Für alle Fälle logge ich mich zunächst mal im Sexshop meines Vertrauens ein und tröste mich mit einem neuen Vibrator. Billiger als Bahnfahren ist das allemal.

 

*Octopolly ist bewusst, dass nicht jede*r Poly ein dermaßen großes Interesse an Sex an den Tag legt, wie sie in dieser Phase ihres Lebens es gerade tut.

Octopolly

Verfasst von Octopolly

Octopolly ist ein Kollektivwesen, das mit drei Armpaaren über unterschiedliche Dinge aus dem bunten Spektrum von Poly-Beziehungen schreibt. Mit dem vierten isst es Kuchen.

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