Aus dem Kölner Zentrum ist es gerade mal eine halbe Stunde mit dem Zug. Dann an Feldern vorbei und hinein ins Nirgendwo. Hier findet sich ein zweistöckiges Haus, mit Fenstern ins Grüne. Es wird von zwei jungen Menschen bewohnt und hängt in schwindelerregender Höhe in einem Baum. Es ist dort aus Holzlatten zusammengeschraubt und mit Seilen befestigt worden. Doch bietet es mit dem Ausblick in den Wald und einem Ofen, der es im Winter beheizbar macht, eine erstaunliche Behaglichkeit. Die Menschen, die hier wohnen, würden es wohl als „muckelig“ bezeichnen. Einer, der hier jeden Tag am Baum hinauf- und hinunterklettert und heute aus den Weihnachtsferien bei seinen Eltern zurückgekehrt ist, nennt sich „Luft“. Den Namen, der in seinem Ausweis steht, verschweigt er.

Nur wenige Meter weiter erstreckt sich ein gewaltiges Loch. Hieraus fördert der Energiekonzern RWE jährlich 40 Millionen Tonnen Braunkohle. Und wegen dieses Lochs sind in den letzten Jahren viele Menschen in den angrenzenden Wald gezogen. Um ihn zu schützen. Mittlerweile weiß niemand mehr genau, wie viele es eigentlich sind. Manche kommen nur für ein paar Tage, andere bleiben gleich ein Jahr.

Luft ist im Umland der Kraftwerke aufgewachsen, hat sich jedoch nie übermäßig für Umweltschutz interessiert: „Früher war ich mal bei Attac aktiv, aber das war mir immer zu sehr auf den Kapitalismus beschränkt. Die Auswirkungen, die der auf die Umwelt hat, wurden nie thematisiert. Das habe ich erst gemerkt, als ich im Mai bei einem Waldspaziergang hier zu Besuch war.“ Nach diesem Spaziergang war ihm auch klar, dass er aktiv werden müsse. Weil ein ausbeuterischer Kapitalismus nicht nur die Menschen, sondern auch die Welt um sie herum kaputt machen kann. Und weil nur im Winter die Rodungsarbeiten des Walds stattfinden dürfen, die das Land auf den Kohleabbau vorbereiten, unterbrach der 22-jährige im Herbst sein Physikstudium, um für ein Semester dorthin zu ziehen „Die Bagger hört man die ganze Zeit“, sagt Luft. „Da weiß ich immer, warum ich hier bin.“

Er ist ein unscheinbarer Junge.

Aber hier im Wald, in seiner Funktionskleidung und den festen Schuhen, fangen seine Augen an zu leuchten. Dann sieht er auf einmal viel älter aus, als er eigentlich ist. Für ihn gibt es noch einen weiteren Grund, hier zu sein. Er ist unweit von Mönchengladbach aufgewachsen. Das ist nicht einmal eine Autostunde entfernt. „Ich weiß nicht, ob ich für sowas nach Bayern fahren würde. Aber so hab‘ ich das Gefühl, auch was für meine Heimat zu machen. Da ist schon auch Patriotismus dabei.“

Gründe für die Besetzung gibt es einige. Die große CO²- Menge, die die Kraftwerke ausstoßen. Geschützte Tierarten, wie die Bechsteinfledermaus, die im Wald leben. Und natürlich die Bäume. Trotzdem erfahren die Aktivist*innen auch Zuhause nicht immer Unterstützung. „Meine Mama ist politisch interessiert. Die findet das gut, was ich hier mache. Auch wenn sie Angst hat, dass ich vom Baum fallen könnte oder zu wenig esse. Meinem Papa ist das aber egal. Der sagt immer nur ‚Mach du mal‘. Das macht mich schon traurig, da fühl ich mich nicht ernst genommen.“ Und wenn er das so sagt, sieht Luft plötzlich kraftlos aus. Wie einer, der froh war, in der Weihnachtszeit im warmen Bett zu schlafen und nicht den Geruch von Lagerfeuer und Rauch in der Kleidung zu haben. Stattdessen trägt er jetzt wieder gespendete Kleidung und isst geschenkte Lebensmittel.

Manchmal macht Luft kurze Spaziergänge zum Waldrand.

Da steht er dann vor der schnöden Aussicht, die das Loch vorbereitet. Hier wurde schon alles abgeholzt. Das ist dann der Moment, in dem er sich sein blaues Halstuch über Nase und Mund zieht. „Hier beobachten sie uns immer. Wenn wir ein bisschen zu weit auf deren Gelände laufen, sind die RWE-Securities sofort da.“ Vom Rand des Waldes kann man auch sehr gut die Kraftwerke sehen, um die herum sich, wie ein paar verlorene Pappkameraden, vereinzelte Windräder finden.

Ende November 2017 hatte es Stress gegeben. Die Rodungen des Waldgebiets hatten begonnen und damit auch die Auseinandersetzungen zwischen den Aktivist*innen und der Polizei. Nur durch ein Eilverfahren ausgehend vom Bund für Umwelt und Naturschutz konnten die Arbeiten gestoppt werden. Das Oberverwaltungsgericht Münster entschied, dass der Wald in dieser Saison verschont bleiben soll. Luft war zu dem Zeitpunkt schon seit zwei Monaten ins Baumhaus gezogen, sein Zimmer hat er vermietet. Dass es gerade vor Ort nichts zu tun gibt und der Aktivismus sich auf Öffentlichkeitsarbeit beschränkt, stört ihn dabei nicht. „Zu sagen: Ich wohne in einem Baumhaus, das ist natürlich auch cool.“

Es wird dunkel und das gefällt dem Anarchisten: „Wenn man dann aus dem Wald herausschaut, dann blinken die Windräder, die hinter den Kraftwerken stehen, so schön.“ Luft muss sich beeilen, damit er seinen Personalausweis, den er für die Fahrt in sein neues Zuhause brauchte, noch vor der Nacht vergraben kann: „Dann können die Cops uns nicht so leicht identifizieren, wenn wir mal verhaftet werden.“

 

© Foto: Stefanie Pieper

Esther Stephan

Verfasst von Esther Stephan

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