„Glaubst du, sie wusste was sie tat, als sie beim Feiern eine andere küsste?“, fragte Seb. „Ich weiß es nicht“, antwortete ich. Niemand hatte die richtigen Worte dafür. Alle schauten irgendwohin, aber nicht die anderen an. „Wäre es für dich ein Trennungsgrund, wenn deine Freundin einen anderen küsst?“, fragte ich. Niemand antwortete. „Ich habe mal mit meiner Mutter über sowas geredet“, sagte ich. „Sie meinte, das wären Kleinigkeiten. Wenn sie so etwas schlimm finden würde, wäre sie schon lange nicht mehr mit meinem Vater zusammen.“

Es ist komisch, wie Menschen sich verhalten, die fremdknutschen. Sie wollen eine Beziehungspause, weil sie wissen, wie verletzend sie sich verhalten haben, und glauben, dass der oder die andere etwas Besseres verdient hätte. Nicht etwa anders herum: die Hintergangenen wollen die Pause nicht. Ich kann nicht für alle ehrlichen Menschen dieser Welt sprechen, aber ich habe dieses Verhalten schon bei zwei Freunden beobachtet. Einer hatte Glück. Er und seine Freundin sind heute wieder zusammen. Die andere nicht. Ihr Exfreund hat sich nach der Pause von ihr getrennt. Heute will er sie nicht mehr sehen.

Es ist mittlerweile drei Jahre her, dass mein Exfreund sich von mir getrennt hat. Während des ersten Jahres nach der Trennung habe ich verzweifelt versucht, die Lücke in meinem Leben wieder zu füllen. Sobald jemand Interesse an mir zeigte, fing ich an zu träumen. Oft hatte ich dann viel zu hohe Erwartungen an diese Menschen. Ich war davon abhängig, wie oft sie mir schrieben und habe mich verstellt, um Aufmerksamkeit zu bekommen – bis ich mich selbst nicht mehr leiden konnte.

Ich habe meinen Selbstwert von ihnen abhängig gemacht.

Heute bin ich nicht mehr diejenige, die ihr Glück in anderen Menschen sucht. Ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Ich bin gern allein und das ist gut so. „Lieber glücklich allein als einsam zu zweit“, sage ich, wenn mich jemand darauf anspricht. Manchmal falle ich noch kurz in alte Muster zurück – fange wieder an zu träumen. Meistens merke ich das aber schnell und tue etwas dagegen. Oft mache ich dann Sport. Das ist meine Geheimwaffe. Auch wenn ich allein bin, ist in meinem Leben keine Lücke mehr. Ich bin mir selbst genug. Meistens geht es mir damit gut – zumindest besser als zu jener Zeit, in der ich verzweifelt nach Aufmerksamkeit suchte.

„Hätte sie die Pause nicht gewollt, hätte ich mich nicht von ihr getrennt“, sagte Seb. Heute geht es ihm ähnlich wie mir damals. Er versucht verzweifelt, die Lücke in seinem Leben zu schließen. Aber er macht das anders als ich. Er geht vor die Tür und trifft sich persönlich. Ich habe es damals eher vorgezogen, mit Menschen zu schreiben. Vor zwei Wochen lernte er dann eine neue Frau kennen und verliebte sich prompt. Er hätte nicht gedacht, dass er das nochmal schafft.

„Ich kann nicht verstehen, wie du das machst“, sagte er und schaute mir dabei direkt in die Augen. „Ich könnte nie so lange glücklich alleine sein. Ich kann überhaupt nicht alleine sein. Irgendwie brauche ich jemanden, für den ich da sein kann“. „Ich weiß es nicht“, antwortete ich. „Es war ja auch am Anfang überhaupt nicht einfach. Jetzt bin ich schon so lange allein, dass ich es gar nicht mehr schaffe, mich auf jemanden einzulassen.“

Ich bin froh, eine von den wenigen Menschen zu sein, die sich selbst genug sind. Die nicht den Liebeskummer aus der letzten Beziehung mit dem anfänglichen Nervenkitzel einer neuen Beziehung versuchen zu überdecken. Manchmal habe ich aber auch Angst davor, das könnte für immer so bleiben. Dass ich mich nie wieder auf eine Beziehung einlassen kann. Aber gleichzeitig weiß ich, im Endeffekt ist es meine eigene Entscheidung, ob ich mich verlieben möchte oder nicht. Ich muss mich nur überwinden – so wie ich mich damals überwinden musste, um das Alleinsein zu lernen.

 

© Foto: Stefanie Pieper