Wie es sich anfühlt Nummer drei zu sein

Polyamorie ist consensual love in verschiedenen Beziehungen.

Max* und ich lernen uns über Tinder kennen

Schon bei unserem ersten Date wird klar, dass es da noch eine andere Frau gibt. Sie weiß, dass er sich mit fremden Frauen verabredet ­– und jetzt auch mit mir. Zuerst dachte ich, dass er nur auf der Suche nach platonischen Beziehungen ist. Ein Mensch, der einfach Lust hat, andere kennenzulernen. Inzwischen ist klar: Dem ist nicht so. Zwischen uns, da sprühen Funken. Wir kleben aneinander wie Magneten. Die körperliche Spannung ist kaum zu ertragen. Es ist offensichtlich: Das zwischen uns, das kann nicht auf platonischer Ebene bleiben. Ist Polyamorie die Lösung?

Erst nach und nach verstehe ich, wie es läuft

Ich lerne dazu – die ganze Zeit. Da ist Aufregung und auch Freude. Endlich mache ich meine eigenen Erfahrungen mit polyamourösen Strukturen! Durch GITZY habe ich überhaupt erst begonnen, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Jetzt bin ich neugierig. Ich habe ordentlich Lust bekommen „das“ selbst mal auszuprobieren.

Polyamorie heißt für mich erstmal Freiheit. Wie viele Menschen dann miteinander über die Regeln des Zusammen- und Miteinanderlebens verhandeln, das ist mir nicht so wichtig. Das Ergebnis zählt – und das kann auch eine monogame Zweierbeziehung sein, wenn es eine bewusste Entscheidung ist und nicht nur gesellschaftliche Vorgabe. Ich will mir nicht mehr von anderen vorschreiben lassen, wie eine gesunde, glückliche oder normale Beziehung auszusehen hat. Wir sind alle anders und ich bin es auch. Ich habe meine eigenen Erfahrungen. Ich will meine eigenen Wege finden, in Beziehungen mit diesen umgehen.

Also: Poly-Life hurray!

Denke ich zumindest am Anfang noch. Doch eine Hürde bereitet mir doch Sorgen: die Eifersucht. Früher war ich unendlich eifersüchtig. Ich konnte ganze Feldzüge planen, nur, weil mir Menschen im Umfeld meiner Liebsten nicht passten. Mit Geschick und Einfallsreichtum verbannte ich ungeliebte Gegenspieler auf freundliche, aber bestimmte Art aus meinem Leben und dem Leben anderer.

Unter dem neuen Label der Polyamorie ist dafür natürlich kein Platz mehr. Ich horche also in mich hinein. Ich will wissen, an welchen Stellen Eifersucht auftritt. Ich horche und horche und plötzlich trifft mich die Erkenntnis wie ein Schlag: Da ist gar keine Eifersucht mehr. Auf was sollte ich auch eifersüchtig sein? Ich „habe“ ja nichts was mir weggenommen werden könnte. Ich bin nicht die Hauptdarstellerin, sondern die Nebenrolle. Ich bin die Nummer drei.

Nummer Drei

Zugegeben, ich habe weniger Rechte, als Nummer Eins und Zwei sich einräumen. Aber ich habe auch weniger Pflichten. Genau das ist meine Rettung. Bisher waren meine Beziehungen von Vorwürfen und Pflichtüberhäufung geprägt.  Diese Beziehung ist offener und locker. Sie ist genau richtig. Knutschen, Quatschen und später Sex – wenn wir Lust haben. Aber kein schlechtes Gewissen, wenn ich mich nicht melde. Oder wenn ich mal keine Zeit habe. Es ist befreiend.

Polyamorie als Vertrauenstraining

Vielleicht kann Polyamorie dabei helfen wieder Vertrauen zu fassen, zu sich selbst und den Beziehungen mit anderen. Man lernt auf jeden Fall, besser (oder überhaupt) auf seinen inneren Wegweiser zu hören. Dazu gehört „Ja“ zu sagen genauso, wie „Nein“ zu sagen und Grenzen zu erkennen. Ein bestimmtes Maß an Regeln und vielleicht sogar gemeinsam entschiedenen Verboten ist unerlässlich. Wer das herunterspielt oder ignoriert, wird keine glückliche Polybeziehung aufbauen und erhalten können.

Auch das gehört dazu

Eine Freundin, die sich ebenfalls in einer offenen Beziehung befindet, gestand mir vor kurzem ihre eigene Unsicherheit. Sie war unzufrieden mit sich, weil sie das Gefühl hatte ihren Partner einzuengen. Die beiden haben vor einiger Zeit festgelegt, dass sie auf Partys knutschen dürfen, aber Sex mit anderen nicht in Ordnung ist.

Für sie war diese Regel zu dem Zeitpunkt unerlässlich. Sie braucht die Sicherheit, dass sie beide etwas Exklusives teilen – in ihrem Fall den Geschlechtsverkehr. Sie weiß, dass ihr Partner das anders sieht und gerade das bereitet ihr Sorgen. Für sie ist Polyamorie die maximale Freiheit aller Partner – und diese Prämisse macht sie zum Maß ihrer eigenen Handlungen.

Ich denke, dass das nicht die richtige Einstellung ist. Gerade da, beginnen wir Polys über unsere eigenen Füße zu stolpern. Polyamorie ist kein Ziel, das erreicht werden soll. Es ist keine Maximierung der Freiheit, zum Preis des eigenen Wohlbefindens. Jedenfalls sehe ist es nicht so. Es geht vielmehr darum, gemeinschaftliche Regeln festzulegen. Die Bedürfnisse aller sollen erfüllt werden, aber ohne Schmerzen für die Beteiligten. Und das kann nur gelingen, wenn es auch akzeptabel ist, „STOP!“ zu sagen. Ohne Kompromisse wird es nicht funktionieren. Polyamorie sollte nicht zum liberalen Liebes-Kapitalismus verkommen. Polyamorie ist consensual love in verschiedenen Beziehungen.

Wir drei versuchen das jetzt. Auch, wenn es manchmal weh tut, wenn die Erfüllung aller Bedürfnisse hier und da mit Verzicht erworben wird. Ich bin glücklich. Und ich hoffe, wir sind es auch.

 

© Foto: Alexa Böckel

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Verfasst von Semipermeabel

Semipermeabel lässt das gesamte emotionale Spektrum durch, das sonst im Inneren verweilt. Was außen vor bleibt, sind vornehme Zurückhaltung, gesellschaftliche Erwartungen und Harmonie.

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