Die Poly-Kolume Teil 9

Meine 80-jährige Freundin Hilde* meinte kürzlich beim Tee, dass sie es ganz vernünftig fände, dass die jungen Leute heute ihr Sexleben etwas ernsthafter betrieben und nicht so zügellos wie die Generation der 68er. Letztendlich, sagt Hilde, seien geregelte Verhältnisse doch das Beste für alle.
Ich muss ein wenig schmunzeln, denn der Grund, warum ich wenig später von meiner Teerunde mit Hilde aufbreche, ist eine Verabredung mit meinem liebsten Sexfreund Jonas* zum, naja, Sex. Wir haben, wie jedes Mal, hemmungslosen, zügellosen Sex, der uns beide hoch befriedigt und verschwitzt zurücklässt. Danach schreibt er seiner Freundin und während ich dusche, richtet er ihr liebe Grüße von mir aus. Danach fahre ich nach Hause zu meinem Freund, der fragt, wie mein Treffen war. Ich finde, wir haben sehr geregelte Verhältnisse, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es das war, was Hilde meinte.

Wie können das geregelte Verhältnisse sein?

Jonas und ich haben uns über eine Dating-App kennen gelernt, uns von Anfang an über unsere jeweilige Art Beziehung zu leben ausgetauscht und geklärt, wie unsere Beziehung aussehen würde. Wir sind uns sehr sympathisch, haben ähnliche Interessen und eben großartigen Sex. Trotzdem ist er keiner, dem ich Samstagnacht betrunken liebesschwurschwangere SMS schicke. Eben weil wir geregelte Verhältnisse haben!
Nein, alkoholinduzierte Sehnsuchtsnachrichten bekommen nur die Gestalten, bei denen es nie klar ist, was das mit uns ist. Solche Nachrichten verschicke ich an die Wankelmütigen, deren Worte das eine und die wandernden Hände an meinem Körper das andere sagen, die Distanzierten, die ausweichen und sich schlafend stellen, wenn ich fragen möchte, was wir sind. Sie sind es, die Schmerzen bereiten und nicht der zügellose Sex mit Menschen, die ich zu eben diesem Zweck treffe. Und das in gegenseitigem Einverständnis und Respekt.

Und wo bleibt da die Romantik?

Darum plädiere ich wie Hilde für geregelte Verhältnisse. Ich will mit jedem*jeder Einzelnen wissen, woran ich bin, worauf ich hoffen darf und was nicht zur Debatte steht. Dann kann ich entscheiden, ob ich etwas will oder nicht. Und kommt mir nicht mit Romantik! „Das macht doch alles kaputt, Octopolly, nun lass das mal auf dich zukommen“, sagt ihr. Doch ich frage mich, wie viele schmerzende Herzen weniger ächzten, wenn sich ihre Besitzer ein wenig früher getraut hätten über Verhältnisse zu sprechen. Wenn sie früher gewusst hätten, wann sie ihre Hoffnung in den Wind und die andere Person auf den Mond schießen sollen. Wenn es keine Ausrede mehr gegeben hätte, mit der sie sich selbst belügen können. Und andersrum aber auch, wenn ihre Gegenüber den Mut zur Ehrlichkeit gehabt hätten – aus Respekt, vielleicht aus Liebe.
Ich finde es nicht romantisch hingehalten zu werden. Romantisch ist: „Ich mag dich so sehr, aber ich möchte keine Beziehung mit dir. Wenn du es trotzdem willst, komm in mein Leben.“ Romantisch ist auch: „Ich finde dich unglaublich heiß, darf ich dich küssen und nachher auf meinem Küchentisch ficken?“ Und ja, meinetwegen ist auch romantisch: „Ja, ich habe mich auch in dich verliebt, lass uns zusammen sein.“ Klare Verhältnisse, das ist romantisch.

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Verfasst von Octopolly

Octopolly ist ein Kollektivwesen, das mit drei Armpaaren über unterschiedliche Dinge aus dem bunten Spektrum von Poly-Beziehungen schreibt. Mit dem vierten isst es Kuchen.

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