Es war einmal ein Förmchen, das ging einem Kind verloren. Es war sein Lieblingsförmchen. Das Kind wurde sehr traurig, als es eines Tages nach Hause kehrte und dessen Abwesenheit bemerkte. Es weinte bitterlich und stundenlang. Das Förmchen indes lag unter dem aufziehenden schwarzen Nachthimmel am Strand und beobachtete all die Millionen von Sternen über sich. Angestrahlt vom Mondlicht erschien sein sonst so knalliges Rot, fahl und grau. Das Förmchen fühlte sich plötzlich sehr allein. Voller Sehnsucht blickte es zu den Sternen hinauf und befragte den Mond: „Mond, ich fühle mich so fern von all den anderen Sternen, wo ich selbst doch auch ein Sternenförmchen bin. Wie kann ich nur wieder hoch zu euch an den Himmel kommen?“ Der Mond jedoch blieb stumm. Das Förmchen blickte traurig über das Meer und weinte, wie das Kind, den Sternen hinterher.

Bei Tagesanbruch wurde das Förmchen von einer nassen Hundeschnauze geweckt, welche es unsanft über den noch Morgen-kalten Strandboden stupste. Der Stern wurde zornig und rief: „Hey, lass das!“ Dem Hund schien das jedoch egal zu sein. Vielleicht hörte er das Förmchen auch nicht? Doch ließ er bald vom Förmchen ab, als in der Ferne ein Pfeifen erklang. Der rote Stern blieb mit der Vorderseite im Sand und einem krümeligen Mund blindlings liegen und ärgerte sich noch über das dumpfe Traben der Hundepfoten, die sich bis ins Unerhörte entfernten. Die Stunden erschienen ihm ewig. Es fühlte sich ganz elendig leer; so ohne Sand befüllt oder das Kind, was sich ihm sonst annahm und mit unerschütterlicher Geduld wieder und wieder aufs Neue mit kühlem Sand befüllte. Um es danach in der Sonne trocknen zu lassen und bald darauf erneut zu befüllen. Manchmal baute es eine Gemeinschaft von Sternen in den Sand, dann fühlte das Förmchen sich stolz, wie an einem eigenen kleinen Sternenhimmel. Dann raunte es zum Mond hinauf: „Sieh her, wir sind viele. Ich bin schon wer.“ Diese Verdoppelungen und zu Form gewordene Ansammlung wichen jedoch mit der Zeit durch vorbei gleitende Wellen oder die Kraft der Sonne. Sie trocknete die Sterne und ebnete sie ganz allmählich in den Rest des Strandes ein, bis sie ganz verschwunden waren.

Das Förmchen aber blieb. So schwelgte es fortwährend in Erinnerungen und Sehnsucht an vergangene Tage mit dem Gesicht im Sand vergraben. Es waren lange sehnsüchtige Tage. Der Sommer neigte sich dem Ende zu. Die Stimmen um es wurden weniger bis sie ganz verstummten. Bald vergingen die letzten Sinneseindrücke, die das Förmchen so gern bei sich festgehalten hätte. Der Wind hatte das Förmchen erst mit Sand befüllt und bald ganz unter sich begraben. Unter der Sanddecke schluchzte das Förmchen viele Tage, doch drang nichts davon nach außen. Auch wissen wir nicht, ob es überhaupt jemals jemand gehört hatte.

Mit dem Herbst kamen die steigenden Fluten, die das Förmchen mit sich aufs Meer hinaustrugen.

Hinaus gespült auf dem weiten rhythmisch wogenden Teppich, begannen die Wellen wie Arme nach der Form zu greifen. Unermüdlich umzüngelten sie das rote Sternenboot. Bis es sich vollends mit Wasser gefüllt hatte und von wilden Strömungen geleitet auf den Boden des Meeres sank. Mit den Nächten suchte die Finsternis den Grund des Meeresbodens heim, auf dem das Förmchen vollkommen verstummte. Im neuen Habitat regierte die Langsamkeit. An manchen Tagen begegnete dem Förmchen ein Schwarm vorbeiziehender schmaler Fische oder es verhing sich durch das leichte, wogende Wandern des Wassers in einer Meerespflanze, um sich bald darauf von ihr zu lösen. Als dem Förmchen eines Tages eine Kolonie von Seesternen begegnete lachte es lauthals auf und gedachte dem Mond an seinem Himmel. Weil es erkannte, dass die Sterne schon immer überall gewesen sind.

Einmal passierte etwas Seltsames. Das Förmchen hatte sich bereits an die Abwesenheit der Menschen gewöhnt, als von der Meeresoberfläche durch das trübe Wasser langsam Körper niedersanken. Das Förmchen war voller Vorfreude und Hoffnung unverzüglich neue Freunde alter Spiele zu gewinnen. Doch was sah es da? Menschen, die sich sonst doch stets unbedarft im Sand gerekelt hatten, sanken regungslos hinab. Der Stern beobachtete die niedergelegten Körper und wartete darauf alsbald aufgehoben und wie eine Schaufel in den Meeresgrund versenkt und mit Sand befüllt zu werden. Doch das Warten fand kein Ende. Das Förmchen war noch nie Menschen begegnet, die so lange geschlafen haben.

Dieser Text ist im Rahmen der Berliner/ Lüneburger Lesebühne PROST & PROSA zum Thema „F wie Form“ entstanden.

© Bild von Itzik Navon