Jens trifft Anna, Anna schläft mit Sabine, und Sabine datet Christian, der ein Kind mit Yasmin hat. Anna arbeitet als Unternehmensberaterin, Jens als Webdesigner und Yasmin ist oft in New York, um über ihr aktuelles Buch zu sprechen. Unsere Beziehungskonstellationen vervielfältigen sich und werden individueller. Kritiker*innen merken nun an, dass diversere zwischenmenschliche Geflechte durch die gesellschaftliche Individualisierung und Vereinzelung beeinflusst werden und Polyamorie ein egoistisch motivierter Auswuchs des Kapitalismus und der Globalisierung sei und durch unseren Optimierungswahn getrieben ist. Damit öffnet sich der Widerspruch zwischen dieser und der Kritik an der Monogamie nach Engels, die nur zur Erhaltung von Erbschaftsstrukturen besteht und nach deren Logik Polyamorie die Rebellion gegen derzeitige Beziehungsdogma darstellt. Dieser Gegensätzlichkeit widmet sich auch Konstantin Nowotny, der in seiner Masterarbeit über „Polyamorie als Symptom oder Lösungsstrategie kapitalistischer Widersprüche und Kontingenzproblematiken postmoderner Liebesbeziehungen“ schreibt.

Dabei definiert Nowotny Polyamorie folgendermaßen: „Polyamorie ist die gelebte Bereitschaft, eine mit romantischen Gefühlen assoziierte Beziehung zu mehr als einem Partner gleichberechtigt zu führen, wobei jeder Akteur des Beziehungsgeflechts die Prinzipien verfolgt, die Struktur dieser Mehrfachbeziehung transparent zu artikulieren, sich der Einvernehmlichkeit aller Beteiligten zu vergewissern, die Kern-Konstellation stabil zu halten sowie diese langfristig auszurichten“.

Konstantin Nowotny schlussfolgert nach der Betrachtung von verschiedenen Theorien, dass Polyamorie nicht nur der Nutzenmaximierung zuzuschreiben ist, aber dennoch durch die Postmoderne und damit auch durch die aus dem Kapitalismus entstehenden Spannungsverhältnisse beeinflusst sei. Denn das Individuum versuche nicht die Spannungsverhältnisse aufzulösen und damit eine Gegenbewegung darzustellen, sondern passe sich ihnen an und versuche sie zu vereinen.

Was wollen wir in unseren Beziehungen?

Und welche Gegensätze versuchen wir zu vereinen? Wir wollen Sicherheit, wobei Sicherheit in Bezug auf Polyamorie sich über das Einhalten von individuell bestimmten Regeln definiert. Laut Nowotny ist „Treue in einer polyamoren Beziehung (…) Treue gegenüber den vereinbarten Regeln.“ Gleichzeitig haben wir ein Bedürfnis nach Freiheit und Individualität, wollen aber auch, dass unsere Beziehung uns Identität schenkt. Währenddessen sind wir durchweg geplagt von der Angst der Ersetzbarkeit, weil wir realisieren, dass wir in unserer Individualität doch sehr ähnlich sein können. Und als Nährboden für all die Widersprüche dient die Kontingenz, die uns ständig vor Augen hält, dass unsere Realität konstruiert und auch ganz anders sein könnte.

Zu unserer emotionalen Verwirrung gesellt sich die politische Komponente, nach der es einigen linken Genoss*innen widerstrebt Treue einzufordern, vor allem in monogamen Beziehungen, weil sie gleichgestellt wird mit dem Besitz eines Menschen. Wie soll es uns innerhalb dieser Widersprüche möglich sein, das perfekte und damit widerspruchslösende Beziehungskonstrukt zu finden? Unsere inneren teilweise gegenläufigen Bedürfnisse werden begleitet von äußeren Entwicklungen, die u.a. durch die Globalisierung entstehen.

Polyamorie durch äußere Einflüsse

Die Internationalisierung und Flexibilisierung der Arbeitswelt und -orte verursacht räumliche Trennung von verbundenen Menschen und erschwert Partner*innenschaften. Unsere Lebenswege verlaufen mindestens über städtische Grenzen hinweg, wenn nicht sogar über nationale Grenzen. Wir verbringen ein Semester im Ausland, wollen international arbeiten, werden zu Weltbürger*innen und Englisch wird zu unserer zweiten Muttersprache. Wir werden dazu erzogen, die für uns perfekte Lösung zu finden und zu wollen, unabhängig davon, an welchem Ort. Es wird unüblich für den*die Partner*in die Karriere hintenanzustellen, geschweige denn für die Familie. Wir fokussieren uns auf uns selbst und versuchen unentwegt uns selbst zu entdecken und zu definieren.

Was dann jedoch passiert, ist eigentlich ein Geschenk: An irgendeinem Punkt wird uns klar, dass es egal ist an welchem Ort der Welt wir leben, wenn wir die Menschen um uns herum nicht mögen. Wir wollen gebraucht werden und selbst wirken.

Durch diese Erkenntnis gelangen wir in einen Aushandlungsprozess mit uns und anderen und beginnen darüber zu reflektieren, mit welchen Menschen wir wie leben wollen und kommunizieren dies.

(Wie schwierig das sein kann und welche Hindernisse es zu überwinden gilt, könnt ihr in unserer Polykolumne lesen.)

Meine Erwartungen, deine Erwartungen

In dieser Auseinandersetzung und Abwägung von Eigen- und Frembedürfnissen stellen wir fest, dass eventuell verschiedene Erwartungen bestehen, wie beispielsweise die Tiefe der Beziehung oder die Häufigkeit des Kontaktes. Kompromisse zu finden bei aufgeheizter Gefühlslage mit dem Risiko, die andere Person zu verlieren, ist manchmal schwierig oder scheint sogar unmöglich. Aber dieser Prozess ist wichtig: denn durch ihn wird deutlich, was zusammen realisiert werden kann und was nicht.

Die Widersprüche in der postmodernen Welt und die Auswirkungen der kapitalistischen Globalisierung machen es uns nicht leicht. Wir wissen selbst oft nicht, wie stark welche Bedürfnisse in dem beschriebenen Spannungsfeld in uns ausgeprägt sind. Aber wir haben die Aufgabe das herauszufinden und ich frage mich, ob diese Erkenntnis nicht sehr wertvoll ist; Globalisierung, Kapitalismus und Individualisierung hin oder her. Die Frage, warum wir so handeln, wie wir handeln und welche gesellschaftlichen Veränderungen auf uns wirken ist wichtig zu beantworten. Und es hilft uns, unsere Gedanken und Emotionen besser zu verstehen. Aber wir können auch dankbar dafür sein, dass wir die Möglichkeit haben nach unseren Bedürfnissen zu leben in aller Individualität.

Denn es tut uns allen gut, uns über unsere Bedürfnisse klar zu werden und Konstellationen zu finden, in denen diese erfüllt werden – zur Zufriedenheit aller. Wir können herausfinden was wir wollen und wir lernen anderer Menschen Bedürfnisse, die unseren nicht ähneln, zu tolerieren. Und sollten Menschen feststellen, dass sie ausschließlich in sehr tiefen und engen monogamen Beziehungen leben wollen, dann ist das so.

Ich danke Konstantin Nowotny für seine Gedanken!

© Bild von Stefanie Pieper

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Verfasst von Semipermeabel

Semipermeabel lässt das gesamte emotionale Spektrum durch, das sonst im Inneren verweilt. Was außen vor bleibt, sind vornehme Zurückhaltung, gesellschaftliche Erwartungen und Harmonie.

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