„But it’s just gravitational
We are unstoppable
I just can’t escape the pull“
Lianne La Havas – Unstoppable

 

Ein paar Tage durchatmen, meine Mitte finden, meine innere Balance wiederherstellen. Das war das Ziel. Stattdessen ist das Feuer wieder da. Und es brennt, brennt, brennt. Ich schaffe es nicht, eine Verbindung zu mir herzustellen. Die Leitung ist unpassierbar, überall Feuer. Und das einzige was ich finde, um es zu löschen, ist Öl. Und es brennt, brennt, brennt. Ich ahne, dass mein Ich dort ist, zwischen all den Flammen. Ich strecke meine Hand aus und versuche es zu erreichen. Da schießt die nächste Stichflamme empor und verdeckt meine Sicht.

Das passiert meistens, wenn ich in den Urlaub fahre und mich besinnen will. Der Zustand der Müdigkeit und Antriebslosigkeit verwandelt sich in Ungeduld – rasende, brennende Ungeduld.

Mein Monster

Es ist kribbelig, es überfällt mich. Es lässt mich auf meinem Stuhl hin- und her rutschen, ständig auf mein Handy schauen. Ich kann keinen Gesprächen folgen, nur einzelne Wortfetzen bleiben hängen. Sie lassen mich das Mindeste verstehen, aufmerksames Nachempfinden der Emotionen der Gesprächspartner*innen ist etwas völlig anderes. Das Monster frisst sich durch meine Eingeweide, schaut ab und zu durch einzelne Körperöffnungen in die Freiheit und verkriecht sich dann wieder. Manchmal besetzt es nur das Herz, dann rast es. Es sprintet. Das Blut rauscht in den Ohren und pumpt sich durch die Venen. Das ist der Anfangspunkt. Dann geht es los. Die Beine wollen rennen, laufen, stolpern vor Aufregung. Die Augen suchen nach Aufgaben, Abwechslung, Abenteuer.

Die Ungeduld breitet sich aus in mir, macht sich meinen Körper zu eigen und alles glüht. Die Flammen erfassen jeden einzelnen Part, jede Zelle. Es beginnt im Herz, wandert zum Bauch und dann in jede kleine Ecke. Die Flammen züngeln um die Handgelenke und ich brenne.

Manchmal arbeite ich dann oder schreibe. Ich brauche das Gefühl etwas zu erledigen. Mein inneres Pferd scharrt mit den Hufen und wartet auf den Startschuss. Darauf, dass sich endlich die Boxentüren öffnen und es losgeht. Keine Ablenkung mehr, nur noch rennen. Weiter, weiter, WEITER! Bis es nicht mehr geht, die Lunge völlig ausgebrannt ist und die Beine schmerzen. Schwer sind wie Betonklötze.

Dann breche ich innerlich zusammen und will nur noch nach Hause. In meinen geschützten Raum, unter meine Bettdecke, wo mich niemand stört. Bitte klopft nicht und fragt, ob es mir gut geht. Ich will mich und mein Inneres vergessen. Meine wandernde Seele findet endlich Ruhe, sobald es leer in mir ist. Sobald ich keine Energie mehr habe, um zu fühlen, zu denken. Manchmal betäube ich mich mit sinnbefreitem Input von Netflix und Co. Oder starre einfach nur an die Decke. Bis ich einschlafe. Und das Feuer sich ein paar Tage später wieder entfacht.

Nun möchtest du wissen, was ich dagegen tue. Wie trete ich in Verbindung mit meinem Monster und schaffe ich es zu bändigen? Ganz ehrlich, ich mag mein Monster. Es bringt mich dazu weiterzumachen, nicht aufzugeben, mich durchzubeißen. Natürlich zu Lasten meines Körpers, meiner Seele und zu Lasten der Menschen, die mich umgeben. Das ist der Preis, den ich dafür zahle. Den ich gerne zahle. Denn ich schaffe es Ungeahntes zu vollbringen, mein Kopf glüht vor Ideen und ich will die Welt erobern. Jetzt sofort und zwar alles. Ich mag den Hunger nach Neuem. Aber nur so lange es Momente gibt, in denen ich zufrieden bin. Und die gibt es. Selten, aber sie sind vorhanden.

 

© Bild von Filiz Oktem

Semipermeabel

Verfasst von Semipermeabel

Semipermeabel lässt das gesamte emotionale Spektrum durch, das sonst im Inneren verweilt. Was außen vor bleibt, sind vornehme Zurückhaltung, gesellschaftliche Erwartungen und Harmonie.

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